Ich wurde 1948 in der Schweiz geboren und habe da meine Kindheit, Schulzeit, Jugend und auch meine ersten Studienjahre verbracht. 1968 bis 72 studierte ich in Fribourg Philosophie – mit moderner deutscher Literatur und Kunstgeschichte in den Nebenfächern. Danach habe ich mich in Cambridge (England) in Wissenschaftsphilosophie spezialisiert, kam aber nach einem Jahr zum Schluss, dass meine Neugier und meine breit gefächerten Interessen zu weit gespannt waren, um in einem der akademischen Philosophie gewidmeten Leben Platz zu finden. Die beiden erworbenen  akademischen Titel habe ich nie benützt. Aber ich bin wohl immer wieder als Philosoph ans Leben herangetreten, wie ich im Rückblick sehe.

1973 – 74 habe ich ein Jahr lang in dem kleinen Bergdorf Anidri über der Südküste der Insel Kreta gelebt und habe da gelernt, einfach und mit wenigen Mitteln, und ganz integriert in eine kleine bäuerliche Dorfgemeinschaft zu leben. Ich habe das Jahr in Anidri später als eine Art praktischer Lehre und Vorbereitung auf das spätere Leben in Lateinamerika empfunden, wo das Bewusstsein, zu einer Kollektivität zu gehören oft mehr wog als die Wahrnehmung, ein Individuum zu sein.

1974 habe ich den Atlantik und den Äquator zum ersten Mal überquert: Ich liess mich durch das Internat. Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Delegierter nach Chile schicken; meine Idee war, mit Hilfe dieser Anstellung einen tieferen Einblick in die Realität Lateinamerikas und der „dritten Welt“ zu gewinnen. Ein Jahr lang habe ich im Süden von Chile politische Gefangene besucht; anschliessend war ich zwei Jahre lang Regionaldelegierter des IKRK für den südlichen Teil Lateinamerikas und besuchte von Buenos Aires aus politische Gefangene in Gefängnissen, Lagern und Polizeistationen in Paraguay, Uruguay und Brasilien. Es war die grausame Zeit der Militärdiktaturen. 1976/77 war ich zudem Delegationschef des IKRK in Argentinien, wo der vorerst noch unsichtbare Terror der Verhaftungen und Entführungen, der Folterungen und Morde durch Militär, Polizei und paramilitärische Einheiten schon seit Monaten herrschte, jede Nacht, jeden Tag… Die drei Jahre 1974 – 75 brachten mir das Privileg, unter den Gefangenen und politisch Verfolgten viele jener Frauen und Männern kennenzulernen, die damals der wachsenden Einschnürung und Unterdrückung ihres Lebens und ihrer Gemeinschaften die Hoffnung und den Traum einer anderen, menschlicheren und freieren Zukunft entgegensetzten, oftmals unter dem Einsatz von Allem, was sie hatten, einschliesslich ihres Lebens.

1977 habe ich zum Schweiz. Roten Kreuz (SRK) gewechselt und zu einer neuen Aufgabe, die es mir ermöglichte, mich der Wirklichkeit indianischer Völker – ihren Welten – anzunähern, in Paraguay, dem nördlichen Nachbarn von Argentinien. Ich war da erstmals indigenen Menschen und Gemeinschaften begegnet und war von ihrer Lebensweise und Lebenskultur mehr als nur fasziniert oder angezogen, tief beeindruckt; ich musste mehr darüber erfahren. Die Möglichkeit dazu eröffnete sich mir in der Arbeit als Delegierter und Projektleiter des SRK in Paraguay und Bolivien, wo ich von 1977 bis 1982 Basisgesundheitsprojekte in direkter Partnerschaft mit drei indigenen Völkern des Tieflandes und einer Gruppe von Dorfgemeinschaften der Anden aufbaute und betreute. Im Vordergrund stand zwar die Verbesserung der gesundheitlichen Situation der betroffenen Ethnien und Gemeinschaften, aber ich lernte gleichzeitig, dass dieses Ziel untrennbar demjenigen eines gleichzeitigen politischen und kulturellen Wiedererstarkens des gesamten sozialen Körpers oder Volkes untergeordnet ist.

Seit 1977 lebe ich in Paraguay, bis heute. Nach dem Durchschneiden der Nabelschnur, die mich bis dahin – auch einkommensmässig – noch mit der Schweiz verband, habe ich ab 1983 mit Freundinnen und Freunden in Paraguay und zum Teil auch im östlichen Tiefland Boliviens eine Anzahl unabhängige Projekte und NGOs ins Leben gerufen, belebt und betreut. Meine Arbeit, immer in Basisnähe und immer auch im Schatten der Diktatur(en), konzentrierte sich auf die Stärkung marginaler Sozialgruppen: Landsicherung mit Indigenen im Chaco; behutsame Regenerierung der Solidaritätsnetze unter den Campesinos, welche in Paraguay 1976 im Rahmen einer äusserst gewaltsamen und blutigen Repression von der Diktatur unterdrückt worden waren; Aufbau eines Netzwerks für arbeitsbegleitende Ausbildung und Betreuung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Basisprojekten in allen Bereichen. Mehrere Abende in der Woche verbrachte ich in einigen der ärmsten Quartiere der Hauptstadt und mit deren Bewohnern, die aktiv nach Möglichkeiten suchten, den gesundheitliche Notstandssituationen des Alltags mit gemeinschaftlichen Selbsthilfemassnahmen begegnen zu können.

Von 1985 bis 1989 habe ich mit Strassenkindern gearbeitet: fast Tag und Nacht auf der Strasse, im Rahmen der NGO Callescuela – „Strasse als Erziehungsmedium“, und auch „Erziehung auf der Strasse“. Unser Arbeitsansatz war stark inspiriert vom brasilianischen Pädagogen Paulo Freire. 1986/87 konzipierte und verfasste ich ein Buch über die Situation von Strassenkindern in Asunción; es gründete auf den Äusserungen der Kinder selbst; ein kleines Team, zu dem ich auch gehörte, hatte dieselben während zweier Jahre in zahllosen Gesprächen auf der Strasse zusammengetragen. Das Buch fand sowohl in Paraguay wie auch in andern Ländern weite Verbreitung; es kamen mehrere anderssprachige Ausgaben heraus, u.a. auch in Afrika (Senegal); besonders stolz machte uns eine in Uruguay entstandene Raubdruck- Edition.

1989 zog ich mich aus der bisherigen Arbeit zurück, «ausgebrannt» und mit vielen Zweifeln belastet, und mit dem Bedürfnis, über die langen Jahre pausenlosen Einsatzes nachzudenken. Nach einem mit meiner jungen Familie in der Schweiz verbrachten Jahr bildete ich mich während der folgenden Jahre vor Allem auf sozial- psychologischem Gebiet weiter (u.a. prozessorientierte psychologische Ansätze, Prozessarbeit nach Arnold Mindell, Arbeit an „Weltprozessen“ etc.). Den Lebensunterhalt meiner jungen Familie bestritt ich einerseits mit Beratungsaufträgen und Evaluationen, manchmal in Paraguay, meist jedoch in andern Ländern und sogar anderen Kontinenten (u.a. in Peru, Ecuador, Bolivien, Nicaragua, Mexico, Haiti und Jamaica in der Karibik, El Salvador, sowie in Marokko, Sudan, Togo, Benin und Madagaskar). Andererseits kehrte ich von 1997 bis 2000 zur akademischen Lehrtätigkeit zurück, mit Vorlesungen in Philosophie und Kulturanthropologie (ISHEF/ Asunción).

Über die Jahre habe ich oft zur Feder bzw. Schreibmaschine – ab 1990 zum Computer – gegriffen, um Etwas von dem Erlebten und Gesehenen auszudrücken und niederzulegen, meist für mich selbst, manchmal aber auch für Zeitungen, Zeitschriften oder wissenschaftliche Publikationen.

Seit Anfang der 90er Jahre verspürte ich eine wachsende Faszination mit den ohne Kontakt zu unserer Zivilisation lebenden indigenen Gruppen in den noch ausgedehnten Wäldern des Nordens des Chaco. Aus jahrelanger behutsamer Erforschung der Bedeutung ihrer für uns unsichtbaren Präsenz entstand schliesslich im Jahre 2002 die zusammen mit Kolleginnen und Kollegen gegründete NGO Iniciativa Amotocodie. Deren Ziel besteht im Schutz der erwähnten, zum Volk der Ayoreo gehörigen Gruppen, sowie generell in der kulturellen und politischen Stärkung und Pflege der Vitalität der Lebensräume dieses Volkes. Bis 2012 habe ich die Arbeit von Iniciativa Amotocodie geleitet. Seither wird sie von meinen ehemaligen Arbeitskolleginnen und Kollegen – darunter auch meine Lebenspartnerin Jieun – weitergeführt; ich selbst habe mich 2013 – nach einer aufreibenden Zeit einer gegen unsere Arbeit gerichtete politische Verfolgung – aus der aktiven Mitarbeit zurückgezogen. – Meine Partnerin Jieun Kang stammt aus Südkorea; auch sie ist Philosophin, auch sie hat die akademische Lehrtätigkeit zugunsten der Basisarbeit mit indigenen Völkern im Chaco aufgegeben..

Seit meinem Rückzug aus der Basisarbeit lebe ich in Zarate Isla, am Rande der Hauptstadt Asunción als Jemand, der immer noch lernt, und der das viele Gelernte, Erfahrene und Gesehene kreativ und vielseitig weiterentwickeln und weitergeben möchte. Ich tue dies vor Allem schreibend. Neben einer Reihe von Workshops und Kursen in Paraguay gab ich zwischen 2011 bis 2017 einen jährlichen Vorlesungszyklus an der Universität Pavia, Italien (Masterkurs/ Ethnologie und Entwicklung). Von 2013 bis Ende 2017 hatte ich das besondere Privileg, die Filmemacherin/ Regisseurin Arami Ullón an die Welt der Ayoreo heranzuführen und bei der intensiven Vorbereitung ihres nachmaligen wunderbaren Kinofilms „Apenas el Sol“ („Nothing but the Sun“) zu begleiten; der Film wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Seit 2018 bin ich aktives Mitglied des monatlichen Seminars „Otros Horizontes – Más allá del patriarcado, del Estado Nación y de la democracia formal“ („Andere Horizonte – Jenseits des Patriarchats, des Nationalstaats und der formalen Demokratie“), mit Teilnehmern vor Allem aus Mexiko und Kolumbien. Auch in Paraguay habe ich 2019/20 während eineinhalb Jahren eine virtuelle Arbeitsgruppe mit vierzig Teilnehmern zum Thema „Otros Horizontes“ initiiert und begleitet.

Demnächst wird in Paraguay mein Buch „La Añoranza del Territorio“ (englischer Titel „The longing of the Ayoreo elders“/ „Die Sehnsucht nach den verlorenen Territorien“) publiziert. Ich hoffe, danach bald auch eine deutschsprachige Ausgabe zugänglich machen zu können.

Ich habe eine Tochter, Maria, und drei Söhne, Manuel, Marcos und Pascual. Alle leben hier in Paraguay, mit Lebenspartnern und –partnerinnen, Juanma Irunu, Elena und Camila, in unserer unmittelbaren Nähe. Wir haben drei kleine Enkelinnen – Mia (8), Vera (4) und Aluna (9 Monate), sowie einen kleinen Enkel, Fionn (4).

(Stand Dezember 2021)

Weiteres zu meinem Leben, meiner Arbeit und meinen Texten siehe Landkarte der Themen, Map of Topics und Mapa de Temas auf dieser Webseite.